Das WWW - Eine europäische Erfindung

Neben der elektronischen Post ist das WWW die Anwendung, die das Internet für die Allgemeinheit populär und für die Wirtschaft interessant gemacht hat. WWW steht für WorldWideWeb. Manche Leute behaupten tatsächlich, Microsoft hätte mit einem Internet Explorer das Internet erfunden. Das war natürlich nicht so. Das Internet gab es schon lange, als das WWW entwickelt wurde und Microsoft hatte überhaupt nichts damit zu tun.
Die Geschichte des World Wide Web begann im Jahre 1989 am europäischen Kernforschungsinstitut CERN (Conseil Europeen pour la Recherche Nucleaire) in Genf. Das Internet war zu diesem Zeitpunkt in den Vereinigten Staaten bereits seit einigen Jahren verbreitet. Mit Archie und Gopher wurden auch bereits relativ einfach zu bedienende Dienste entwickelt. In Europa versuchte man, Netze auf X.25-Basis aufzubauen. 1989 setzte sich aber bereits TCP/IP als Quasistandard durch.
Am CERN in Genf war ein ständiges Kommen und Gehen unter den Wissenschaftlern. Viele kamen für einige Monate, machten ihre Experimente und verschwanden dann wieder. Dadurch kam es, dass viele Experimente immer und immer wieder durchgeführt wurden, da die Wissenschaftler nichts von ihren Vorgängern wussten. Man begann am CERN also damit, die Daten in einem Computersystem mit dem Namen CERNDOC zu speichern. Zugriff auf das CERNDOC hatte man von Terminals aus. Man musste sich auf einem Großrechner anmelden und konnte dann im CERNDOC nach Schlüsselworten suchen. Das Problem bei diesem System war die komplizierte Anmeldung am Großrechner und das Problem, die richtigen Schlüsselworte zu finden. Angenommen, in einem Artikel geht es um eine bunte Krawatte. Wenn jetzt ein Benutzer nach einem bunten Binder sucht, meint er zwar das gleiche, findet aber nichts.

Tim Berners Lee (Engländer) und Robert Cailliau (Belgier), die Erfinder des World Wide Web
Tim Berners Lee stellte der Leitung des CERN 1989 ein Hypertext-Informationssystem vor. Hypertext bedeutet, dass Informationen innerhalb des Textes miteinander verknüpft sind. Die Idee war nicht neu. Bereits seit den 40er Jahren wurde so etwas unter Wissenschaftlern diskutiert. In den 80ern entwickelte die Firma Apple ein Produkt namens Hypercard. Virtuelle Karteikarten konnten damit verknüpft werden. Dieses und auch andere, ähnliche Systeme, funktionierte allerdings nicht in einem Netzwerk sondern nur auf einem Rechner.
Wissenschaftler speicherten Ihre Texte und Arbeiten in den verschiedensten Formaten ab. Neben dem unter Wissenschaftlern verbreiteten LaTex waren auch Microsoft Word, Interleaf und SGML gebräuchlich. Nicht alle Formate waren auf allen Rechnern zu lesen. Microsoft Word zum Beispiel gab es nur für PCs. Das neue Kommunikationssystem sollte auf allen Rechnern lesbar sein. Tim Berners Lee entschloss sich daher, eine neue Seitenbeschreibungssprache mit dem Namen HTML (HypertextMark-upLanguage) zu schreiben. Allerdings fing er damit nicht komplett von vorn an. Er nahm vielmehr SGML(Standard Generalized Markup Language) als Vorlage für seine Sprache. Seine Erfindung war das sogenannte Anchor-Tag. Damit konnte direkt im Text eine Verknüpfung mit einem anderen Dokument definiert werden.
Tim Berners Lee schrieb 1990 am CERN die den ersten Webbrowser und den ersten Webserver für NEXT-Computer. NEXT-Computer hatten eine grafische Benutzeroberfläche für die sich leicht Programme erstellen ließen. Allerdings waren sie auf Grund schlechten Marketings der Firma und auf Grund der hohen Kosten kaum verbreitet. (Man sieht die Oberfläche eines NEXT-Computers auf dem Bildschirm, neben dem Tim Berners Lee sitzt. Robert Cailliau sitzt an einem Apple Macintosh). Auch am CERN gab es damals nur 2 NEXT-Geräte. Daher wurde auch ein Browser für Terminals geschrieben. Natürlich war er nicht sehr komfortabel. Es gab keine Maus, keine Schriftgrößen und Varianten. Daher war die Akzeptanz des neuen WWW unter den Wissenschaftlern auch zunächst sehr gering.
Das CERN veröffentlichte die Webtechnologie. Jeder, der einen Browser entwickeln wollte, erhielt Unterstützung von Tim Berners Lee und Robert Cailliau, die am CERN mit der Betreuung des Projektes beauftragt waren. Robert Cailliau versuchte, das europäische Parlament für das Web zu gewinnen. In Brüssel erkannte man jedoch die Tragweite der Erfindung nicht. Auch daran liegt es, dass die Weiterentwicklung des Webs fast ausschließlich in den USA stattfand. Wie so oft in der Geschichte des Internets war man in Europa zu langsam und hat den Geist der Zeit verschlafen.
NCSA Mosaic

Andere Browser für andere Systeme schossen jedoch schnell wie Pilze aus dem Boden. Von vielen hat man nie wieder etwas gehört. Bekannt und richtungweisend wurde jedoch ein Browser, der am NationalCenter for Supercomputing Applications (NCSA) an der Universität von Illinois entwickelt wurde. Unter der Leitung von Marc Andreessen wurde dort ein neuer Browser für X-Windows (verbreitet auf Unix-Systemen), für Apple Macintosh und für PCs entwickelt. Der Browser hatte den Namen Mosaic. Das neue an diesem Browser war nicht nur seine Verfügbarkeit auf so vielen Systemen sondern vor allem auch ein neues Tag (eine Anweisung, die beschreibt, was und wie es darzustellen ist), das IMG-Tag zum Einbinden von Bildern. Vorherige Browser konnten zwar Bilder darstellen, jedoch nicht im Fließtext. Es konnte nur ein Link, auf ein Bild gesetzt werden.
Mit Mosaic begann der Ruf nach Standards für das WWW. Andreessen ließ zahlreiche Features hinzufügen. Neben Bildern waren das zum Beispiel Listenelemente und Formulare - sicherlich sinnvolle Dinge - jedoch ohne jegliche Absprache mit anderen Webentwicklern, die in einer Mailingliste mehr oder weniger Erfolgreich miteinander diskutierten. Eine richtige Organisation zur Standardisierung, die auch etwas durchsetzen konnte und angesehen war, gab es auch noch gar nicht.
von Mosaic zu Netscape
1994 gründeten Andreessen und Jim Clark die Firma Mosaic Communications. Sie programmierten einen neuen Browser mit dem Namen Mosaic Netscape. Netscape war der erste Browser, der sich direkt an den privaten Endanwender richtete. Auch Benutzer mit langsamen Modemverbindungen sollten bequem surfen können. Dazu wurden bereits besuchte Seiten zwischengespeichert (Browsercache). Natürlich "erfand" auch Netscape Communications, wie die Firma ab November 1994 hieß, wieder eine ganze Reihe von neuen Tags. Netscape wurde schnell zum Marktführer. Viele verwendeten die neuen Netscape-Tags, mit der Folge, dass das WWW auseinander zu brechen drohte. Eine für einen Browser geschriebene Website konnte von anderen nicht betrachtet werden.
Obwohl bereits 1994 das World Wide Web Consortium (W3C) gegründet wurde, hielt dieser Zustand noch eine ganze Zeit an. Der Grund war, dass die Browserhersteller am W3C nicht beteiligt waren - folglich fühlte sich auch keiner von Ihnen verpflichtet, sich an W3C-Empfehlungen zu halten. Die Situation verschlimmerte sich drastisch mit der Veröffentlichung der Version 1 des Internet Explorers Ende 1995. Microsofts Erfindung hieß ActiveX. Eine Erfindung die der Redmonder Softwareschmiede nicht nur Ruhm einbrachte ist sie doch eine der größten Sicherheitsrisikos auf Webseiten. Der Internet Explorer unterstützte jedoch ein Feature, das Netscape in die zweite Version seines Browsers einbaute, nicht: Frames, also das Zerteilen eines Browserfensters in mehrere Teile. 1995 trafen sich zum ersten mal die großen Browserhersteller und tauschten sich über HTML aus. Da das Treffen erfolgreich war, richtete das W3C das HTML ERB (Editorial Review Board) ein. Alle drei Monate trafen sich Gesandte von IBM, Microsoft, Netscape, Novell, Softquad und dem W3C um einen HTML-Standard sicherzustellen.
Der Niedergang von Netscape
Heute dominiert Microsoft mit seinem Internet-Explorer den Browsermarkt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen liegt es sicherlich daran, dass jedes Windows einen vorinstallierten und zum Teil auch nicht deinstallierbaren Internet Explorer beinhaltet. Doch das ist bestimmt nicht alles. Fakt ist auch, dass sich Netscape auf seiner Markführerschaft ausruhte. Im Dezember 1996 veröffentlichte das W3C eine Empfehlung für CSS (Cascading Stylesheets). Hintergrund war, dass HTML allmählich von einer Sprache, die eine Seite strukturierte (mit Elementen wie Überschrift, Absatz, ...), zu einem Verhau von Struktur- und Designelementen verkam. Das Design sollte mittels CSS getrennt vom Inhalt behandelt werden.
Netscape jedoch entwickelte bereits eine andere Technik, die das leisten sollte. Sie basierte auf JavaScript und hatte den Namen JSSS (JavaScript Stylesheets). Ebenfalls im Dezember veröffentlichte Netscape die erste Betaversion von Netscape 4. In aller Eile wurde ein Umsetzungmodul geschrieben, die CSS in JSSS umsetzte. Dabei kam es zu vielen Fehlern. Ein fehlerhafter Emulator setzte die Styleanweisungen in ein noch nicht fertig entwickeltes JSSS um. Das Resultat war grauenvoll. Bei Netscape war man jedoch der Meinung, die Webentwickler würden sich am Marktführer orientieren und Seiten mit JSSS oder angepasstem CSS erstellen.
Die erste Betaversion des Internet Explorers 4, die im April 1997, also 4 Monate später, erschien, unterstützte einen Großteil der CSS-Spezifikation. Microsoft hatte auf einmal einen Vorteil vor seinem Konkurrenten. Benutzer von Windows 98, auf deren Rechnern ein Internet Explorer vorinstalliert war, war nun nicht mehr zu vermitteln, warum man ihn gegen einen schlechteren Browser austauschen sollte. Außerdem kostete Netscape Geld - zumindest für professionelle Anwender. Webdesigner begannen, Stylesheets zu benutzen. Mit steigendem Marktanteil des Internet Explorers unterließen es immer mehr Designer, ihre Seiten auch an Netscape anzupassen.
Das unverständliche aber war, dass Netscape bis zum Jahr 2000 an diesem Misstand nichts änderte. Zwar erschienen ständig neue Versionen des Browsers, bis zum Jahr 2000 änderte sich aber nichts an der so genannten "Rendering Engine" oder "Layout Engine". Microsoft entwickelte seinen Explorer unterdessen ständig weiter. Selbst Opera, ein Browser einer kleinen norwegischen Softwarefirma konnte Internetseiten besser darstellen und war (und ist) zudem noch schneller als Microsoft und Netscape. Allerdings kostete der Browser bis zur Veröffentlichung der Version 5 im Jahr 2000 Geld. Opera verbreitet noch immer einen kleinen und schlanken Browser für eine Vielzahl von Betriebssystemen. Daneben hat man sich auf Browser für integrierte Geräte wie Handys und ähnliches spezialisiert.
Ein fauchender Drache - Mozilla
1998, als Netscape seinen Stern wohl schon sinken sah, fällte die Firma eine Entscheidung: Die Version 4 des Browsers sollte frei zum Download verfügbar sein und der Quelltext der Nachfolgeversion Netscape Communicator 5 im Internet frei zur Verfügung stehen sollte. So geschah es dann auch. Die ersten Quellcodes wurden 1998 den Entwicklern zur Verfügung gestellt. Dazu wurde eigens eine NPL (Netscape Public License) definiert. Die Entwickler gaben ihrem Projekt den Mozilla. Mozilla war seit jeher das Maskottchen der Netscape Browser.
Die Mozilla-Entwickler entschlossen sich aber, die Layout Engine von Netscape 5, die auf der Vorgängerversion 4 aufbaute, komplett zu verwerfen und eine neue mit dem Namen Gecko zu entwerfen. Daher dauerte es auch bis zum Jahr 2002, bis Mozilla die Version 1 erreichte. Netscape veröffentlichte bereits vorher den Browser "Netscape 6", die auf einer frühen Entwicklerversion von Mozilla basierte. Version 5 ließ man bei Netscape einfach aus, man wollte die Überlegenheit der eigenen Technologie darstellen. Schließlich war Microsoft aktuellste Version erst 5.5. Netscape 6 war ein riesiger Flop. Er war derart fehlerbehaftet, dass der Marktanteil des einzigen Primus' auf unter 3% sank. Netscape 6.1 basierte zwar genauso wie Version 6.2 noch auf einer Entwicklerversion, lief aber ausreichend stabil. Version 7 basierte erstmals auf einer "vollen" Version von Mozilla (1.01).
Von Anfang an waren die Entwickler von Mozilla darauf aus, die neue Layout Engine kompatibel zu allen W3C-Standards zu halten, und tatsächlich ist Mozilla der Browser, der die Standards, einschließlich CSS, am besten interpretiert.
Das World Wide Web heute
Den Internet Explorer gibt es für Windows PCs und für Apple Macintoshs. Mozilla ist für alle nur erdenklichen Betriebssysteme verfügbar. Opera gibt es ebenfalls für eine ganze Reihe von Betriebssystemen. Für Linux und eine Reihe von Unixsystemen gibt es zusätzlich noch Konqueror. Somit ist für jede Plattform mindestens ein Browser verfügbar, der den aktuellen Standards entspricht. Damit ist das Web an einem Status angekommen, an dem sein Anspruch, Informationen plattformunabhängig zur Verfügung zu stellen, auch erfüllt. Das Web hat dafür gesorgt, dass nahezu alles heute zueinander kompatibel ist. Bilder, Texte, Videos, Musik, zum Teil sogar Programme können beliebig auf der ganzen Welt ausgetauscht werden.
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