Meine Nachtwanderung
Ich lief einfach. Ohne zu gucken wohin. Die Äste peitschten mir in die Augen und die Dornen rissen tiefe Schluchten in meine Jeans.Ich dachte noch kurz an den Moment, an dem ich meine Reise antrat, als alles vor mir schwarz wurde und ich zusammensank.
,,Kind hast du auch alles eingepackt? Handy? Wasserflasche? Butterbrot?“
Meine Mutter lief hektisch durch unsere kleine Ferienwohnung auf Neuseeland, wo wir unsere Sommerferien verbrachten.
,,Mama, bleib locker! Ich geh‘ nur wandern in den umliegenden Wald, du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Weißt du was die Dame von der Ferienwohnung gesagt hat? Ja genau, der Wald bietet perfekte Bedingungen für eine nächtliche Wanderung.“ erwiderte ich genervt.
,,Okay, wenn du alles dabei hast werde ich jetzt nicht ein einziges Wort mehr verlieren, Liebes.“
Um meine Einverständnis auszudrücken nickte ich und verließ den Raum.
Noch ein kleiner Blick auf meinen winkenden Vater und meine Mutter, die sich krampfhaft an dessen Ärmel festhielt. Der Wald lag vor mir. Düster aber dennoch einladend. Als würde er mich rufen um seine Geheimnisse in der dunklen Nacht zu entdecken.Ein Knips auf die Taschenlampe und das Abenteuer konnte beginnen.
Als erstes folgte ich einem breit angelegten Pfad mit sandigem Untergrund. Hier und da hörte man eine Eule heulen oder ein kleines Tier panisch vor dem Licht auf einen Baum flüchten.Doch sonst herrschte absolute Stille. Ich fühlte mich nicht alleine, ich fühlte mich geborgen in der Armen der Bäume umgeben vom Flüstern der Bewohner des Waldes.
Es war wohl eine Stunde vergangen seit ich losgegangen war, und ich wollte meinen Lunch halten. Unter einen Baum mit einer großen dunklen Baumkrone ließ ich mich auf das weiche, trockene Moos plumsen.
Ich packte meinen Apfel aus, meine Wasserflasche und mein mit Schinken belegtes Sandwich. Das Papier knisterte leise als ich es auspackte. Schmatzend macht ich mich drüber her, holte meinen mp3-player aus dem Rucksack, steckte mir die Stöpsel ins Ohr und schaltete mein Lieblingslied ein. Nun konnte ich mich in Ruhe zurücklehnen.
Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass ich schon eine halbe Stunde dort saß und aß. Ich wollte mich nun wieder dran machen noch ein Stück zu laufen. Nachdem alles verstaut war und ich mir sicher, war kein Papier liegen gelassen zu haben, setzte ich meinen Weg fort.
Nun bog ich in einen schmaleren Pfad ein, der etwas dunkler und auch schon bedroh-licher aussah.Kleine Steine sprangen unter meinen Schulsohlen weg, und hin und wieder knackte ein daliegender Ast.Der Vollmond schien durch kleine Lücken, die das dichte Blätterwerk nicht geschlossen hatte.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch! Es hörte sich an wie das Heulen eines Wolfes.
,,Einen Moment“ dachte ich mir ,,das ist das Heulen eines Wolfes!“ Mit meiner Taschenlampe erhellte ich die umliegenden Büsche. Auf beiden Seiten war nichts. Beruhigt richtete ich meinen Blick wieder nach vorne auf den Pfad, der sich mittlerweile zu einen Schlammpfad entwickelt hatte. Doch auf einmal merkte ich eine Art Stechen im Rücken. Als würde mich ein Blick versuchen zu durchbohren. Vom Rücken an, durch meine Rippen und an meinen Herzen heraus. Ich versuchte es zu ignorieren, indem ich stur nach vorn ging und mein Lieblingslied summte.
Das Bohren wurde intensiver, und ich merkte wie ich selber die Kontrolle verlor und immer schneller lief, auch meine Summgeräusche wurden immer lauter.,,In my head“ ich schrie die letzten Worte des Liedes nur so heraus, fasste allen Mut zusammen und wirbelte mit einem Rausch herum.
Was ich da sah ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Smaragdgrüne, böse funkelnde Augen schauten mir direkt in meine. Ein Entsetztensschrei wollte sich entfesseln, doch ich blieb stumm. Nun wollte ich einfach nur noch laufen. Erst waren meine Beine gelähmt, doch der bloße Überlebenswille ließ mich fliegen wie ein Vogel.
Ich achtete nicht mehr darauf wohin ich lief. In eine grausame Dunkelheit, verfolgt von dem Bösen, in das Ahnungslose.Ein Ast peitschte mir ins Gesicht und ich sank zusammen.
Ein Schlecken ließ mich aus der endlosen Ohnmacht erwachen. Es war immer noch dunkel, eine tiefe Nacht. Dann sah ich sie wieder. Diese smaragdgrünen Augen, die den Fluch in mir ausgelöst hatten. Doch etwas hatte sich verändert. Die Art wie sie funkelten waren nicht mehr böse, sondern zeigten Liebenswürdigkeit und die Unschuld eines Kindes.
Wieder fuhr er mir liebevoll durchs Gesicht.Erst wollte ich meine Hand heben und ihm dankend über den Kopf streicheln, doch mir fiel ein, dass dies kein Schoßhündchen war.Nein es war ein ausgewachsener Wolf, dessen lange Schneidezähne vollbehütet am Maul entlang blitzten. Aber irgendwie musste ich mich doch bedanken. Dann fiel mir der Rest meines Schinkensandwiches ein.Ihm würde es bestimmt gut schmecken.
Schnell griff ich in meinen Rucksack, der nur wenige Zentimeter entfernt lag, und der meinen Sturz einigermaßen unbeschadet überlebt hatte.
Der Wolf machte sich drüber her und schon kurz später war es im Bauch verschwunden.
Sabbernd guckte er mich an.
Nun bemerkte ich erst dass ich doch gar keine Ahnung hatte wo ich mich befand.
Ratlos blickte ich umher und machte mir Gedanken um meine Mutter. Um 24 Uhr sollte ich zuhause sein, so war es abgemacht gewesen. Wer weiß wie viel Uhr es war?
Da fiel mir mein Handy wieder ein. Als ich auch dies aus dem Rucksack kramte, sah ich, dass es kaputt war. Die Hülle war kaputt und der Bildschirm zerschlagen.
,,Na super“ dachte ich mir. Ich stellte mir meine Mutter vor, wie sie hektisch umherlief, alles durchtelefonierte, und meinen Vater, der den Ruhigen spielte, meine Mutter in den Arm nahm und ihr tröstende Worte ins Ohr flüsterte.
Dann merkte ich wie sich der Wolf langsam fortbewegte. Enttäuscht blickte ich auf die Erde und wusste nicht mehr weiter. Dann lugte der Wolf zu mir rüber.Er kam wieder und stupste mich sanft mit seiner feuchten Schnauze an. Dann ging er einen Schritt vorwärts, schaute mich erwartungsvoll an, als sollte ich ihm folgen.
Und da ich ja keine andere Idee hatte, stand ich auf, packte meinen Rucksack und folgte dem Wolf.Er trottete zufrieden los.
Ungefähr eine halbe Stunde folgte ich ihm durch tiefes Gebüsch, mal auf eine Lichtung oder an einem kleinen Bach entlang. An manchen Stellen war es stockduster, an anderen wieder heller durch das Licht des Vollmondes.
Dann sah ich ein anderes Licht.Es sah aus wie das Licht was aus Häusern kam. Und dann sah ich auch noch Rauch.Das Ende des Waldes schien in Sicht zu sein.
Ich folgte dem Wolf um einen Baum herum. Da war das Unglaubliche. Da war unsere Ferienwohnung.Ich schaute den Wolf an, voller Erstaunen und Dank. Er erwiderte es mit einem Nicken, einem liebevollen Blick, bis er dann wieder in den Tiefen des Waldes verschwand. Erschöpft klingelte ich an der Tür. Meine Mutter brach heraus, im Anschein mich nun einmal richtig auszuschimpfen, doch als sie die Schrammen von den Ästen und meine zerrissene Jeans sah, nahm sie mich in den Arm.,,Kind was ist bloß passiert?! Wir haben drei Uhr in der Nacht!“
,,Mama lass mich schlafen ich erzähl euch alles morgen ok?!“ Meine Mutter war zwar von Neugier geplagt, nickte aber und ließ mich frei, und mein Vater gab mir zu verstehen das er sich um meine Mutter kümmern würde.
Noch einmal dachte ich an den Wolf als ich in einen traumlosen Schlaf fiel.
Nun kamen wir jedes Jahr nach Neuseeland in das Ferienhaus. Meinen Eltern erzählte ich, dass ich hingefallen war und mich verlaufen hatte, doch von dem Wolf erzählte ich nie.Ich hatte das Gefühl, dass es ein Geschenk von ihm war, ein Geschenk mit dem man nicht prahlen sollte. So ging ich jedes Jahr zu der Stelle, an dem er mich gerettet hatte. Ich lief mit ihm umher, wir spielten am Fluß oder tollten herum.
Und jedes Mal brachte ich ihm ein Schinkensandwich mit.Das Schmatzen war jedes Mal das Gleiche.Es entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen uns.
Liebevoll nannte ich ihn Amitié. Es bedeutete Freundschaft.
- * * * * * *
Und nun sitz ich hier. Es sind 10 Jahre nach unsere ersten Begegnung vergangen.
Ich sitze hier und schreibe die Geschichte auf. Neben mir liegt Amitie’.
So war es . ,,Stimmt’s Amitie?’?
von Lena Dusartz
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