Europa ist linientreu - und bringt sich dadurch ins Abseits
TCP/IP vs X.25
Dass die Netzwerke, die wir heute kennen fast ausschließlich in den USA entwickelt wurden, liegt in der Uneinigkeit und Unbeweglichkeit Europas und vor allem der europäischen, meist staatlichen, Telekommunikationsunternehmen und Telefongesellschaften.
Während sich in den USA TCP/IP-Netze durchsetzen, weil man mit ihnen verschiedene Netze verbinden konnte, wollten die Telefongesellschaften in Europa homogene Netze auf der Basis des X.25-Protokolls einrichten. Das X.25-Protokoll ist ein von der ISO (International Organisation for Standardization) entwickeltes OSI-Protokoll (Open Systems Interface). Die ISO ist eine Organisation die für alle nur erdenklichen Dinge Standards definiert. Man kennt das zum Beispiel von Fotofilmen. Hier wird die Filmempfindlichkeit nach einer ISO-Norm angegeben. Am Beispiel sieht man auch schon, wie bei der ISO gearbeitet wird. Jede Eventualität wird definiert. Früher wurden in Deutschland und in den USA Filmempfindlichkeiten unterschiedlich angegeben. Was in Amerika 100 ASA hieß, nannte man in Deutschland 21° DIN. Die ISO hat sich nicht etwa für ein System entschlossen, sondern verwendet man nun 100/21° ISO.
Da alles standardisiert werden muss, machte sich die ISO auch daran, ein Protokoll zur Netzwerkkommunikation zu entwickeln. Es hieß X.25, war äußerst kompliziert und lange Zeit unfertig. Es fehlten die Anwendungsprotokolle (also FTP, Mail, ....) sodass man sich lange Zeit behelfen musste. Gleichzeitig ist X.25 weniger fehlertolerant als TCP/IP und gleichzeitig schwieriger zu implementieren. Dennoch bauten die europäischen Telekommunikationsunternehmen X.25-Netze auf. Sie wollten ein homogenes Netz aufbauen und so den Vorteil einer einheitlichen Technik nutzen. Eine Anbindung an das mittlerweile in den USA existierende Internet war gar nicht erwünscht.
Tatsächlich wurden in den Europa X.25-Netzwerke eingerichtet, zum Beispiel 1978 das TRANSPAC-Netz in Frankreich und 1980 PSS in England. Auch das erste japanische Netzwerk benutzte das X.25 Netzwerk. Was man jedoch nicht wissen konnte, war die zunehmende Verbreitung von keinen lokalen Netzwerken (LANs) in Firmen. Gerade für kleine Netzwerke war X.25 kaum einzusetzen. Da man sich in der freien Wirtschaft nicht an staatliche Vorgaben halten musste und TCP/IP in in Firmen verbreiteten UNIX-Distributionen bereits enthalten war, ging man dort schnell zu TCP/IP über.
In manchen Staaten, darunter auch Deutschland dauerte es aber bis weit in die 90er Jahre, bis erkannt wurde, dass X.25 sich nicht durchsetzen lässt.
Der CEPT-Standard
Es gab auch zentralisierte Netzwerke in Europa die mehr oder weniger erfolgreich waren. Der erste derartige Dienst war der Prestel-Dienst in England. In Deutschland richtete die Deutsche Bundespost den Bildschirmtextdienst (BTX) ein. Im Gegensatz zu Prestel sollte BTX auch ein Unterhaltungsmedium sein. Zunächst konnte BTX jedoch nur Textseiten darstellen. Die Post brachte Decoder heraus, die dem CEPT-Standard entsprachen (Conference Européenne des Administration despostes et des télécommunications). Damit konnten auch 32farbige Blockgrafiken dargestellt werden.
Hätten sich die europäischen Staaten an den CEPT-Standard gehalten und wäre dieser konsequent weiterentwickelt worden (so wie die Telekom dies mit dem KIT-Standard vorhatte), hätte sich hieraus durchaus ein europäisches Netzwerk entstehen können, dass wir jetzt alle benutzen würden und anstatt http://www.einsteinfreun.de würden wir vielleicht
- einsteinfreunde# eingeben müssen. Doch es kam nicht so, und das lag daran, dass viele Länder den Standard nicht übernahmen. Manche blieben beim Prestel-Standard und andere, wie zum Beispiel Frankreich gingen einen eigenen Weg. Speziell Frankreich mit seinem nationalen Netzwerk Minitel war damit sehr erfolgreich, aber das ist eine andere Geschichte.
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