Einstein-Gymnasium Rheda-Wiedenbrück - Ein Jahr Mexiko und zurück
Einstein-Gymnasium Rheda-Wiedenbrück


Ein Jahr Mexiko und zurück

“Villahermosa, Tabasco, Mexico.”

Alternativer Text


Tabasco? Das ist doch diese scharfe Sauce, oder?
Und Mexiko? Ist das Süd- oder Mittelamerika?

Ja, Tabasco ist eine Gewürzsauce und Mexiko liegt in Mittelamerika.
Aber Mexiko ist heute für mich noch viel mehr. Es ist mir zu einer zweiten Heimat geworden.

Der Beginn: Fragen, Zweifel, Erwartungen

Angefangen hatte alles im Sommer 2005. Ich bewarb mich um einen Platz im Jugend-Austausch-Programm des Rotaryclubs. Ziel eines solchen Austausches ist, eine neue Kultur kennen zu lernen und ein Stück zum Weltfrieden beizutragen. So hochtrabende Ziele hatte ich nicht vor Augen. Ich wollte einfach etwas Neues kennen lernen, eigene Erfahrungen sammeln und so ganz nebenbei auch noch eine weitere Sprache lernen.

Nach mehreren Vorbereitungstreffs stand dann im Mai 2006 endlich fest, dass ich wirklich ins Ausland gehen würde. Und zwar nach Mexiko! Ich hatte kaum Zeit, mich innerlich vorzubereiten, da saß ich auch schon im Flieger. Während der 12 Stunden Flug kamen mir dann die ersten Zweifel. Wollte ich das wirklich durchziehen? Ein ganzes Jahr in einem fremden Land unter fremden Menschen? Außerdem beschränkten sich meine Spanischkenntnisse auf ein Minimum und je näher wir meinem Zielflughafen kamen, desto größer wurde meine Nervosität. Gegen 23:00 Uhr Ortszeit stand ich dann inmitten einer Gruppe mexikanischer Mädchen am Kofferschalter und musste die neugierigen Blicke aller über mich ergehen lassen. Wie ich bald feststellen würde, waren „weiße“ Menschen eine Seltenheit und die Mexikaner extrem neugierig. Aber zunächst holte ich nur noch mal tief Luft, sog dabei die unglaublich schwüle Luft Villahermosas ein und trat dann in die Empfangshalle hinaus. Hier standen ungefähr 20 Leute winkend und mit Plakaten. Zunächst fühlte ich mich erleichtert, dass ich so offen und freundlich aufgenommen wurde, aber das Unbehagen kam spätestens im Auto zurück, als ich meiner Gastmutter noch nicht einmal mitteilen konnte, dass ich einen guten Flug gehabt hatte. Denn meine Gastfamilie - so wie übrigens die meisten Mexikaner - sprach kein Englisch und in meiner Aufregung hatte ich auch das bisschen Spanisch vergessen, das ich in der Vorbereitungsphase noch gelernt hatte! Auch in den nächsten Tagen verständigte ich mich nur mit Pantomime und mit Begriffen aus meinem Wörterbuch. Meine Gastmutter bemühte sich trotzdem sehr um meine Integration, indem sie mich ihren Nachbarn vorstellte und Verabredungen für mich arrangierte.

Wie ich im Laufe des ganzen Jahres feststellte, sind die Mexikaner überaus offene und freundliche Menschen. Fast alle, mit denen ich in Kontakt kam, waren sehr interessiert an mir und meinem Heimatland und außerdem hatten alle sehr sehr viel Geduld mit mir, während ich vermutlich in ziemlich schrecklichem Spanisch versuchte, mich verständlich zu machen. Aber trotz aller Freundlichkeit war der Anfang ganz schön schwer für mich. Es war nicht so einfach, jeden Tag aufs Neue andere Menschen kennen zu lernen und sich einzuleben. Vor allem um meinen ersten Schultag machte ich mir einige Sorgen. Mein Spanisch beschränkte sich immer noch auf die einfachsten Dinge und vielleicht würden die anderen Schüler mich auch gar nicht beachten. Es kam aber alles ein wenig anders:

Zunächst kam ich natürlich - nach echter mexikanischer Manier - zu spät. Trotzdem - oder gerade deshalb - wurde ich von allen freundlich aufgenommen. Die endlosen Fragen verstand ich zwar meist nicht, aber das hinderte meine Mitschüler nicht daran, weiter auf mich einzureden. Und in der ersten Pause lernte ich die Menschen kennen, die von dort an eine wichtige Rolle in meinem Austauschleben spielen sollten: die anderen Austauschschüler.

Rotary gibt es fast in allen Ländern der Welt und so lernte ich in Villahermosa auch noch andere Nationalitäten kennen. 16 Jugendliche aus Brasilien, Frankreich, Belgien, Polen, Österreich, Deutschland, Finnland, USA, der Schweiz und der Türkei kamen hier zusammen und trotz der zahlreichen Unterschiede wurden wir alle sehr schnell Freunde. Wir standen uns vermutlich deshalb so nah, weil wir uns alle in derselben Situation befanden: in einem fremden Land unter fremden Menschen.

Angekommen im Alltag
Alternativer Text

Langsam entwickelte sich also so etwas wie ein Alltag für mich. Jeden Tag begann um 7:00 Uhr die Schule. In meiner Schuluniform absolvierte ich die 7 Schulstunden, traf mich zwischendurch in den Pausen mit den anderen Austauschschülern oder hörte meinen Klassenkameraden unter Nicken und „si’s“ zu. Der Unterricht spielte sich dabei ganz anders als bei uns in Deutschland ab. Der Lehrer oder die Lehrerin hielten vorne an der Tafel Monologe, diktierten oder schrieben Tafelbilder an, die es abzuzeichnen galt. Während des Unterrichts herrschte jedoch kaum Disziplin. Meine Mitschüler unterhielten sich laut, verließen zwischendurch das Klassenzimmer oder wechselten die Plätze. Anstatt aber einzugreifen, erlegten die Lehrer uns nur noch mehr Hausaufgaben auf, was dazu führte, dass ich meine Nachmittage mit einem Wörterbuch in der Hand am Küchentisch zubrachte.

Am Wochenende ging es unumgänglich in die Disko. Als Mädchen wird man in Mexiko zwar mehr behütet, aber das bedeutete nur, dass man um 2:00Uhr nachts zuhause zu sein hatte. Ich gewöhnte mich also langsam an meinen neuen Lebensstil, allerdings nicht an meine Gastfamilie.

Das Besondere an einem Austausch mit Rotary besteht neben vielen anderen Aspekten auch darin, dass es für jeden Austauschschüler mindestens drei, in meinem Fall vier Gastfamilien gibt. Eigentlich sollte ich meine Gastfamilien in einem dreimonatigen Takt wechseln, aber durch gewisse Komplikationen verschob sich das etwas nach hinten. Nach einem halben Jahr in meiner ersten Familie war ich mir ziemlich sicher: schlimmer konnte es nicht werden. Ich verbrachte meine Tage zum größten Teil außer Haus, da meine Gasteltern sich ebenfalls kaum zu Hause aufhielten und ich fast immer auf mich allein gestellt war. Zum einen führte dies dazu, dass ich mich sehr unwohl in dieser Familie fühlte, aber zum anderen erlangte ich eine große Selbstständigkeit, die ich unter anderen Umständen nicht erfahren hätte.

Und bald stand auch schon Weihnachten an. Weihnachten an einem Ort, an dem es sich selbst im kältesten Winter nur auf 25 °C abkühlte, mit einem Tannenbaum, den man durch Ineinanderstecken aufbauen konnte und mit einer fremden Familie. Ich befürchtete das Schlimmste. Letztendlich stellte es sich als viel schöner heraus als ich zunächst angenommen hatte. Man verbrachte Weihnachten mit der ganzen Familie, mit viel zu Essen und Musik. Feierliche Stimmung, wie man das vielleicht aus Deutschland kennt, mit Weihnachtsliedern und Kerzen kam allerdings nicht auf. Das Weihnachtsfest, wie auch Silvester bzw. Neujahr war eher ein Anlass zu feiern und sich als Familie zu treffen.

Neues Jahr und neuer Aufbruch

Nachdem ich also auch Weihnachten und Neujahr gut überstanden hatte, stand der erste Familienwechsel an. Darauf freute ich mich nach der nicht so angenehmen Zeit bei der ersten Familie besonders, hatte aber auch ein paar Befürchtungen, da der Familientausch ja wiederum auch ein neues Kennen lernen eines fremden Umfeldes bedeutete. Als ich aber mit Sack und Pack in meinem neuen Heim ankam, wurde ich schon von meiner Gastschwester und ihren Cousinen erwartet, die mir beim Auspacken halfen und natürlich viele Fragen hatten. Denn überall wo ich hinkam, wurde ich irgendwann auch ausgefragt. Wo ich denn herkomme und ob mir Mexiko gefalle. Das waren so die häufigsten Fragen, die ich zu beantworten hatte. Das Einleben in meine neue Familie gelang mir überraschend schnell. Für mich ganz ungewohnt unternahm meine Familie jedes Wochenende etwas gemeinsam, einen Ausflug in die nähere Umgebung oder ein Familientreffen am Pool. Alle waren so nett und freundlich, dass ich mich diesmal wirklich zuhause fühlte und auch die Tatsache, dass ich nun eine Gastschwester und etliche Gastcousinen in meinem Alter hatte, trug ein großes Stück dazu bei.

Abgesehen von den vielen Familienwechseln, die mich in der zweiten Hälfte meines Austauschjahres sehr beschäftigten, ergab sich für mich eine Beschäftigung, die mich besonders beindruckte. Mein Rotaryclub schickte mich zur Hausaufgabenhilfe in ein Kinderheim. In der Nähe des Stadtzentrums befindet sich das „Casa Hogar“ des „Ejercito de Salvacion“ (der Heilsarmee). Meine Aufgabe bestand darin, dass ich die knapp 20 Kinder daran hindern sollte, während der Hausaufgaben über die Tische zu klettern oder wegzulaufen (was mir leider nicht immer gelang). Die Kinder hatten zwar allesamt noch Familien, aber diese waren zu arm, um ihre Kinder mit zu ernähren oder hatten aus sonstigen Gründen kein Interesse, sich um sie zu kümmern. Mir gefiel die Arbeit in dem Heim sehr gut, zumal es für mich keine Arbeit war. Es war zwar nicht allzu einfach, den Kleinen das Lesen schmackhaft zu machen, aber ich empfand meine Aufgabe als etwas Wichtigeres als dies. Ich glaube kaum, dass eines dieser Kinder im Heim jemals etwas Großes zustande bringen wird, da es ihnen einfach an den Vorraussetzungen fehlt, aber sie gerade deshalb abzuschreiben, wie es ihre Eltern getan haben, finde ich falsch. Ich habe versucht, den Kindern Mut zu machen und habe getan, was ich konnte, um ihre Situation zu verbessern. Mir hat die Zeit mit ihnen sehr viel Spaß gemacht und ich habe sehr viel an Erfahrung und Eindrücken aus dieser Zeit mitgenommen. Ich hoffe nur, dass ich auch den Kindern irgendwie helfen konnte!

Das Land „erfahren“

In der letzten Zeit, die ich in Mexiko verbrachte durfte ich noch etwas ganz anderes erleben: die sogenannte „große Reise“. Organisiert von Rotary reisten alle Austauschschüler eines bestimmten Bereiches unter Aufsicht gemeinsam durch Mexiko. Drei Wochen lang lernten wir den Süden und die Mitte Mexikos kennen. Abgesehen von der Erfahrung mit so vielen Menschen aus anderen Kulturkreisen zusammen zu sein, habe ich wohl noch nie so viel gesehen und gelernt auf einer Reise. Wir verbrachten jeweils zwei Tage in einer Stadt und versuchten durch Stadtführungen und eigene Erkundungstouren so viel von ihr aufzunehmen wie möglich. Am Ende der drei Wochen waren wir zwar alle am Ende unserer Kräfte, aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass Mexiko ein wunderschönes Land ist. Es herrscht eine so reiche Vielfalt an Kultur und Natur: Von Regenwald und grün bewachsenen Berghängen über trockene Steppen und Hochebenen, in Mexiko findet man dies alles. Und so wie sich die Landschaft unterscheidet, so sind auch die Städte alle sehr unterschiedlich. Besonders faszinierend fand ich Guanajuato. Eine Stadt, die scheinbar planlos an die Berghänge gebaut wurde, mit so engen Straßen, dass unser Bus nur mit Mühe um die Kurven kam und außerdem mit wunderschönen Gebäuden und Gassen, zu denen es alle möglichen Sagen und Märchen gibt.

Mit einem weinenden Auge…

Nachdem ich nun so viel von Mexiko kennen gelernt und so viele Freundschaften geschlossen hatte, fiel es mir sehr schwer mich im Juli 2007 von allen zu verabschieden und nach Hause, nach Deutschland, zu fliegen. Als ich in den Flieger stieg, war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt noch zurück nach Hause wollte. Ich habe in Villahermosa so viel gelernt: über mich, über den Kontakt mit anderen Menschen, über Mexiko. Wenn mir noch einmal jemand diese Chance, ein Jahr lang in einem anderen Land zu leben, bieten würde, ich würde sie sofort ergreifen. Denn all diese Erfahrungen, ob positive oder negative, die Eindrücke und Erinnerungen, die Freunde, die man dort findet, das alles ist auf jeden Fall ein verpasstes Schuljahr wert!

Theresa Dickers, Jahrgangstufe 12

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